Forschungsgegenstand: Mensch-Umwelt-Systeme

Das Beispiel der Kostenspirale in der Wasserwirtschaft, die aus Investitionen in immer neue Techniken zum Schutz der natürlichen Wasserressourcen vor dem Eindringen immer neuer chemischer Substanzen entsteht, macht deutlich: Umweltprobleme sind immer auch gesellschaftliche Probleme. Der durch gesellschaftlichen und technischen Fortschritt entstehende Druck auf die Umwelt wird über in ihren Versorgungsfunktionen geschädigte Ökosysteme an den Menschen zurückgegeben. Gesellschaften reagieren auf die wahrgenommen Veränderungen in diesen Systemen mit einer Anpassung ihres umweltrelevanten Verhaltens. Auf einer analytischen Ebene bedeutet dies: Natürliche und soziale Prozesse sind durch Rückkopplungsschleifen untrennbar miteinander verknüpft. Die Entwicklung nachhaltiger Strategien zum Umgang mit anthropogenen Umweltbelastungen erfordert daher ein grundlegendes Verständnis dieser Rückkopplungsschleifen: Nicht isolierte soziale und natürliche Teilsysteme sondern gekoppelte "Mensch-Umwelt-Systeme" und damit das komplexe Wirkungsgeflecht aus ökologischen, sozialen und ökonomischen Prozessen sind Gegenstand der Forschung. Modelle und Computersimulationen sind dabei wichtige Werkzeuge.

 

Forschungsansatz: Transdisziplinäre Umweltforschung

Dieser Ansatz erfordert die Entwicklung einer transdisziplinären, sozial-ökologischen Perspektive in der Umweltforschung. Das Kompetenznetzwerk MOMUS zwischen der J. W. Goethe-Universität Frankfurt am Main und dem Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) greift diese Herausforderung auf. Das Ziel von MOMUS ist es, durch die Bearbeitung konkreter Problemlagen aus den Kernthemenfeldern Wasserversorgung und Wasserqualität innovative Forschungsmethoden für eine transdisziplinäre Umweltforschung zu entwickeln. Dabei sollen zugleich grundlegende Erkenntnisse über die Dynamik von Mensch-Umwelt-Systemen und handlungsleitendes Wissen für die Praxis erzeugt werden. Im Sinne des Netzwerkgedankens versteht sich MOMUS als offene Struktur: Durch einen kontinuierlichen Prozess der Vernetzung mit weiteren Kooperationspartnern sollen Expertise und Themenspektrum langfristig ausgebaut werden. Die Tragfähigkeit dieser Struktur basiert auf der Etablierung einer interdisziplinären Wissens- und Kommunikationsbasis als Ausgangspunkt und Aufgabe der gemeinsamen Projektarbeit.

 

Forschungsprozess: Herausforderung Integration

Auf dem Weg zu einer transdisziplinären Umweltforschung stellt sich MOMUS zwei zentralen Integrationsaufgaben. Zum einen ist eine problemspezifische Synthese von Wissen und Methoden aus den unterschiedlichen natur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen zu erreichen. Das in den einzelnen Disziplinen etablierte und aktuell generierte Wissen muss in einem disziplinenübergreifenden Forschungsprozess zusammengeführt werden. Zum anderen gilt es "Theorie" und "Praxis" zu verknüpfen. Wissenschaftliche Ergebnisse müssen so übersetzt werden, dass Möglichkeiten für gesellschaftliches Handeln zur Lösung konkreter sozial-ökologischer Problemlagen eröffnet werden. Dabei müssen das Wissen und die Bedürfnisse der gesellschaftlichen Akteure, der "Stakeholder", von Anfang an in den Forschungsprozess integriert werden. Nur wenn diese beiden Integrationsprobleme im transdisziplinären Forschungsprozess expliziert, konzeptionell berücksichtigt und praktisch bearbeitet werden, können Fortschritte bei der Lösung konkreter sozial-ökologischer Problemlagen erzielt werden.

 

Forschungsmethode: Modellierung und Simulation

Als Erkenntnisinstrument spielen verschiedene Arten von Modellierung und Simulation bei der Analyse komplexer Mensch-Umwelt-Systeme eine unverzichtbare Rolle. Sie können aber auch bei der Lösung der beiden Integrationsprobleme nützlich sein. Die durch Formalisierung erzwungene Festlegung auf eine gemeinsame Sprache macht die Explizierung fachspezifischer Hypothesen und Annahmen erforderlich und erlaubt so eine Prüfung ihrer gegenseitigen Kompatibilität. So können innerhalb des konzeptionellen Rahmens eines Modells disziplinäre kognitive Differenzen überbrückt werden. Gleichzeitig können sie helfen, die jeweiligen gesellschaftlichen Realitäten in die Forschung zu integrieren. Durch die Einbeziehung von Stakeholdern und ihrer spezifischen Problemwahrnehmungen, Handlungsoptionen und Handlungsrestriktionen bereits in den Modellentwicklungsprozess können Transparenz und Akzeptanz der auf dieser Basis abgeleiteten wissenschaftlichen Ergebnisse erhöht werden. Modelle können dadurch effektiv als Entscheidungshilfe für umweltrelevante Weichenstellungen genutzt werden.

Weitere Informationen zu MOMUS finden Sie in einem Artikel in der Ausgabe II/04 von "Forschung Frankfurt", dem Wissenschaftsmagazin der Goethe-Universität Frankfurt. Der Artikel steht als download 300 kb pdf-file zur Verfügung.

 

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Stand 25.10.2007